Institut für Schulpädagogik

Prof. Dr. Wolfgang F. Schmid
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Wir sterben nur in einer Richtung

- Folge 3 -

Wir haben Angst vor dem Sterben, weil wir die Kraft des Geistes unterschätzen. Wir trauen dem Geist nicht zu, den Tod zu überleben. Weil aber diese Folge vor allem von der Kraft des Geistes handelt, vorweg ein überzeugendes Fallbeispiel. Der Name Eva-Maria Sanders ging vor kurzem durch die Medien. Die Ärzte diagnostizierten bei der 36 Jahre alten Frau Krebs im Endstadium und erklärten, sie habe höchstens noch sechs Wochen zu leben. Heute, gut drei Jahre später ist Eva-Maria Sanders wieder gesund, weil sie überzeugt war, dass der Geist den Körper nicht nur krank, sondern auch wieder gesund machen kann. Die spontane und völlig unerwartete Gesundung wird durch eine totale Umstellung des Gehirns im Umgang mit einer Krankheit bewirkt. Einstellung und Haltung des kranken Menschen sich selbst gegenüber verändern sich so radikal, dass sie sich geradezu umkehren. Eva-Maria Sanders ist eine solche vollkommene Wende aus eigener (Überzeugungs-) Kraft gelungen. Andere Menschen glauben an die Heilkraft von besonderen Menschen, von Heiligen oder Heilquellen. In Lourdes, Fatima, Altötting und anderen Wallfahrtsorten geschehen immer wieder sogenannte Wunder, Spontanheilungen durch die Kraft des Glaubens, welche das Gehirn zur radikalen Kehre seiner körperschädigenden Strategien bewegen, also auf den Verzicht einer Selbstaufgabe. So etwas aber ereignet sich wohl - so die Statistik - unter etwa hunderttausend Fällen nur einmal. Solche Seltenheit mag vielleicht daher herrühren, dass wir uns weigern, mit solchen Phänomen Erfahrungen zu machen, weil wir nie gelernt haben, uns mit der Kraft unseres Geistes auseinandersetzen.

 

Wer sich nun aber ernsthaft mit dem Sterben befassen will, kommt nicht umhin, sich mit dieser Kraft auseinanderzusetzen. Um das zu ermöglichen, möchte ich versuchen, mich diesem Phänomen behutsam zu nähern. Dazu gehört, sich Zeit zu lassen: mit dem Schreiben wie mit dem Lesen.

 

In der zweiten Folge von "Wir sterben nur in einer Richtung" wurde beschrieben, warum wir das Bewusstsein von der Gegenwart Gottes verloren haben und auf welche Weise wir dieses wieder entdecken könnten. Unüberwindbar bleiben die Grenzen, die uns Kirche und Theologie mit ihren Antworten setzen, wenn es um die letzten Fragen geht.

 

Die Ungewissheit über das Sterben macht fast allen Menschen Angst. Sie wissen nicht, was auf sie zukommt und alle künstlerischen, theologischen und philosophischen Werke frommer Menschen tragen kaum etwas zur Beruhigung bei, weil sie letztlich auf ganz persönlichen Annahmen über das, was nach dem Tod mit uns geschieht, beruhen.

 

Wir täten gut daran, alle theologischen und philosophischen Werke endlich so zu betrachten wie andere Kompositionen auch. Sie sind künstlerischer Ausdruck einer je eigenen, wenngleich sehr durchdachten Befindlichkeit und damit eben nicht übertragbar auf andere Menschen.

 

Wir tun uns leichter, wenn wir Religionen ästhetisch betrachten. Es ist letztlich eine Frage des Geschmacks, wie sich Menschen zu dem äussern, was sie jeweils als ihren Gott betrachten. Nur eigene Erfahrungen können uns die Angst vor dem Sterben nehmen. Ich meine die ganz persönlichen Erfahrungen und nicht etwa die Erfahrungen mit sterbenden Menschen, die ihrem eigenen Tod mit bewundernswerter Kraft begegnet sind. In dem Krankenhaus, in dem ich als Krankenpfleger arbeitete, pflegten die Nonnen zu sagen"Man stirbt wie man gelebt hat!", aber ich denke, dass auch das schreckliche Sterben, der grausame Tod zum Leben gehört, zu einer Natur, die sich gegen ihre totale Zerstörung aufbäumt und auch der Unfalltod, der nichts mehr damit zu tun hat, wie jemand gelebt hat. Jeder wünscht sich einen 'schönen' Tod, und darunter verstehen die meisten, dass es möglichst schnell geht.

 

 

Ein alter Buddhist sagte mir einmal, dass er nicht verstehe, warum viele Menschen solche Angst vor dem Tod hätten, da sie ja vor ihrem körperlichen Sterben schon viele seelische Tode gestorben seien. Damit meinte er die wesentlichen Verluste, die wir in unserem Leben erleiden: nicht nur den Verlust geliebter Menschen, sondern auch den Verlust der Kindheit, der Jugendzeit, den altersbedingten Verlust des Berufslebens, der Beweglichkeit.

 

Mit zunehmendem Alter wird zwar das Leben für viele Menschen immer mehr zum Abschiednehmen: nur Verluste, keine Gewinne, aber weil niemand zu den Verlierern gehören will, machen sich die Alten heutzutage künstlich jung, und die Werbung zeigt sie häufig kindisch aktiv. Wenn schon das eigene Herz nicht mehr taugt, dann wenigstens die "Kraft von zwei Herzen".

 

Der Buddhist, von dem ich sprach, lebte nicht mehr als Mönch, sondern führte ein ganz normales Leben in Flensburg, war von diesem Prozess des Alterns nie betroffen, weil für ihn dieser Vorgang ganz natürlich zu einem Leben gehörte, das sich ohnehin nach dem Tod wieder neu entfaltet. "Die Menschen sehen im Herbst immer nur die abfallenden Blätter!", sagte er, "Nie die Knospen der neuen Blätter, die die alten zum Abfallen zwingen!"

 

Viele Menschen versuchen mit Hilfe ihrer Vernunft gegen die Angst vor dem Sterben zu kämpfen. Wahrscheinlich war auch die Haltung des Buddhisten eine vernünftige, denn "Wie die Nacht dem Tag folgt und der Tag der Nacht, so folgt auf jeden Tod ein neues Leben." pflegte er zu sagen. Nach Platon sagen wir, dass wir geboren werden, wenn die Seele körperlich in Erscheinung tritt, dass wir sterben, wenn die Seele den Körper wieder verlässt. Der Körper ist für Platon und seinen Lehrer Sokrates das Haus der Seele, in dem diese nur vorübergehend wohnt. Diese 'Wanderschaft' der Seele veranlasst manche Religionen, eine ständige Widergeburt anzunehmen, das jeweilige Leben als nur als Etappe auf einem Weg zu einem endgültigen Ziel aufzufassen, das ist die Erlösung von der ewigen Wiederkehr des immer Gleichen.

 

Die Art und Weise, wie sich die Grundfrage unseres Daseins jeweils stellt, ergibt sich unmittelbar aus der Art und Weise, wie wir unser Dasein gestalten. Je bewusster wir leben, desto mutiger stellen wir uns auch der Frage nach dem Tod. Umgekehrt ist es nicht gleichgültig, wie wir damit umgehen, weil dieser Umgang wiederum unsere Daseinsgestaltung ganz entschieden beeinflusst. Weil Leben und Sterben eng zusammenhängen, bestimmen wir in der Regel selbst, wie wir uns dem eigenen Tod nähern. Das gilt sogar für den Fall einer schweren Krankheit. Der völlig unerwartete Tod durch einen Unfall, einen Schlaganfall oder einen Herzschlag setzen zwar der persönlichen Annäherung an das eigene Sterben ein jähes Ende, nicht aber der zugrundeliegenden Einstellung dazu. Diese überdauert den plötzlichen Tod und wirkt sich auf die Gestaltung der Überführung diesseitiger Vorgänge in jenseitige aus.

 

Wir wollen uns diesem Phänomen nähern, indem wir uns zunächst auf das Verhältnis von Lebensweg und Lebenszeit einlassen. Dieses Verhältnis bestimmt die individuelle Geschwindigkeit, mit der wir uns dem eigenen Tod nähern. Weil sich das ziemlich verrückt anhört, möchte ich diesen Sachverhalt noch einmal mit anderen Worten ausdrücken.

 

Die Lebenszeit und das tatsächliche biologische Alter, das ist keineswegs dasselbe. In der Psychologie unterscheidet man auch zwischen psychischem (seelischen) und physischem (körperlichen) Alter. Ich kann schon mit dreissig Jahren ein Greis sein und umgekehrt kann ich mit neunzig Jahren noch seelisch jung geblieben sein. Ich habe das gar nicht so selten bei alten Menschen erlebt. Wer seelisch langsamer altert als andere, sammelt auch mehr Erfahrungen als andere.

 

Der angedeutete Sachverhalt lässt sich auch noch anders ausdrücken: Wer der Frage nach dem Tod aus dem Weg geht, wählt eine Abkürzung für seinen eigenen Lebensweg. Mit anderen Worten: Wer sich nicht auf das Sterben einlässt, stirbt schneller. Das sind nun keine leeren Behauptungen; das lässt sich ganz konkret beobachten. Das fällt allerdings leichter, wenn man entweder über genügend Lebenserfahrungen verfügt oder sich in der Physik auskennt und sich mit der Relativitätstheorie auseinandergesetzt hat.

 

Ich möchte versuchen, die Beweisführung möglichst anschaulich zu gestalten und vor allen Dingen: überprüfbar.

 

Von älteren Menschen können wir erfahren, dass für sie mit zunehmendem Alter die Zeit immer schneller vergeht. Alte Menschen erzählen uns, dass ihr Leben wie im Flug vergangen sei und Menschen, die bereits tot schienen, berichten, dass ihr gesamtes Leben während des Sterbens in wenigen Sekunden an ihnen vorübergezogen sei. Dagegen geben Menschen an, die einen sehr schweren Unfall erlitten, dass ihnen das in wenigen Sekunden ablaufende Unfallgeschehen sehr viel länger vorgekommen sei; zudem hätten sie die Abläufe in einer Art Zeitlupe erlebt.

 

Das Zeitempfinden ist also offensichtlich recht unterschiedlich. Gewöhnlich nehmen wir an, dass die Zeit, die uns innerhalb einer bestimmten Zeitspanne zur Verfügung steht, für alle Menschen gleich verläuft. Zehn Jahre sind für alle Menschen gleich lang. Diese mechanistische Auffassung von Zeit aber trifft nicht zu. Die einen altern während dieser Zeit schneller, die anderen langsamer. Das hängt damit zusammen, was während einer solchen Zeitspanne erlebt wird. Nicht die technisch hergestellte Uhr zur Messung der künstlichen Zeit bestimmt die Geschwindigkeit, mit der das Leben vergeht, sondern die innere Uhr der Natur, deren Werk aus Hunderten von körpereigenen Rhythmen und Zyklen besteht.

 

Zwischen Altern und verfügbarer Lebenszeit besteht ein sehr enger Zusammenhang: das seelische Altern zeigt die natürliche innere Zeit an, das körperliche Altern dagegegen verweist eher auf die künstliche äussere Zeit, auf die Lebensjahre, die schon verstrichen sind. In der Regel werden aber innere und äussere Uhr synchronisiert, d.h., seelisch jung gebliebene Menschen erscheinen auch körperlich jünger als andere.

 

Unser Gehirn aber richtet sich nach der natürlichen inneren Uhr. Diese kann im Vergleich zur messbaren künstlichen Zeit entweder vor- oder nachgehen. Es ist interessant, sich diesen Zusammenhang genauer anzusehen. Das tun wird in zwei Schritten.

 

Je mehr unterschiedliche (!) Ereignisse stattfinden, je mehr vielfältiger (!) also erlebt wird, je mehr neuronale Verbindungen folglich im Gehirn entstehen, desto mehr nehmen die Zeitressourcen zu und desto langsamer vergeht die Zeit: der Vorgang des Alterns verlangsamt sich. Dasselbe gilt umgekehrt. Durch Ereignisse, die sich wenig voneinander unterscheiden, werden mehr Zeitressourcen verbraucht. Durch die Wiederholung des immer Gleichen wird die Lebenszeit verkürzt und das Altern beschleunigt. Dies erklärt, warum u.a. die Lebenserwartung in verschiedenen Berufsgruppen unterschiedlich ausfällt, warum schöpferische Menschen nicht selten älter werden. Selbstverständlich werden die beschriebenen Zusammenhänge sowohl durch besonderen Stress als auch durch schlechtes Ernährungsverhalten nach unten hin korrigiert. Nach oben hin wird um so eher korrigiert, je origineller und unkonventioneller die Produktionen eines Menschen sind. Die Zeitressourcen wachsen, gleichgültig, in welchem künstlerischen, wissenschaftlichen, handwerklichen oder technischen Bereich jemand arbeitet.

Das Verhältnis von Natur- und Normalzeit wird nicht nur von der Vielfalt des Erfahrenen entschieden, sondern zusätzlich durch den jeweiligen Aufenthaltsort eines Menschen. Damit ist weniger eine geographische Gegend gemeint, sondern vielmehr einer jener verschiedenen Erfahrungsbereiche, welche ich gleich skizziere. Wir nehmen nämlich naiverweise an, dass wir uns in der Wirklichkeit aufhalten und mit dieser auch in der Regel ohne nennenswerte Schwierigkeiten klarkommen. Diese Annahme trifft erst dann und nur dann zu, wenn wir vereinbaren, dass Wirklichkeit und das jeweils eigene Erleben gleich sein sollen. "Wirklich ist, was ich erlebe!" Wenn ich dieser Erklärung zustimme, brauche ich mir keine weiteren Gedanken zu machen. Wenn aber Wirklichkeit etwas sein soll, das unabhängig von mir besteht, dann stellt sich für uns sehr schnell die Frage, ob wir auf so etwas überhaupt Zugriff haben. Es gibt verschiedene Erfahrungsbereiche, in denen wir uns aufhalten können:

 

Alltagswelt = Menge von Routinen, Gewohnheiten und vereinbarten Ausnahmen wie Feier- oder Urlaubstage,

Traumwelt = Menge von Wünschen, Sehnsüchten, Projektionen und Strategien für eine wenigstens ungefähre Bewältigung anstehender Pflichten,

Modellwelt = Menge von Wissen und Möglichkeiten, dieses strategisch auf angenommene Gegebenheiten anzuwenden,

Medienwelt = Menge von medienvermittelten Verhaltensmustern, Handlungsvorlagen und Verhaltensregeln, um in einer virtuellen tv-gestylten Umgebung aktuell zu sein.

 

Alle diese Welten - und es gibt sehr viel mehr davon - haben mit subjektunabhängigen Gegebenheiten kaum etwas zu tun. Unsere alltägliche Welt ist ein Gemisch von solchen Welten. Je mehr wie ihnen anhaften, desto schneller vergeht uns auch unsere Zeit. Nicht wenige Menschen sind sogar stolz auf solche Zeitvergeudungen. Sie prahlen mit ihren vielen Posten und Terminen, die aber nicht mehr sind als ganz gemeine Zeitfallen.

 

Nehmen wir an, jemand wollte sein Leben bereinigen und so leben, dass er möglichst der natürlichen Zeit folgt und keiner der ihn von sich selbst entfremdenden Welten anhaftet, dann müssten wir mit ansehen, wie sich dieser Mensch quält. Es gibt nämlich noch ein weiteres Phänomen, das uns den Zugang zu uns selbst und zur Natur verbaut.

 

Wir sind durch unsere Erziehung und Bildung kaum in der Lage, Erscheinungen so zu erfassen, wie sie wirklich sind. Platon beschreibt ja in seinem Höhlengleichnis die Anstrengungen, die es kostet, um sich von den Fesseln der Befangenheit durch eingefahrene Verhaltensweisen zu befreien.

 

Wir nehmen nämlich nicht sauber wahr, lassen uns zu wenig Zeit für das, was wir wahrnehmen, beobachten nur oberflächlich das, was für uns eigentlich wichtig wäre, und wir prüfen selbst kaum, was für unsere Entwicklung wichtig wäre. In unserem Bewusstsein vermischen sich verschiedene Vorgänge und verändern damit unser Erleben, ohne dass wir das sonderlich merken.

 

Wir wollen uns das jetzt näher ansehen. Das, was das Verhalten des Menschen regelt, sind

seine Erfahrungen, also das, was er erlebt, gemeistert oder wo er versagt hat. Versagen hat ein Sich Versagen zur Folge, das Verdängen von Auseinandersetzungen mit Unbewältigtem. Erfahrungen gestalten sich aber nicht nur aus Erlebnissen, sondern verändern sich in der Erinnerung zugleich auch durch Erziehung, also Mass-Regelung von aussen. Erziehung reguliert Verhalten und damit auch Erfahrungen, und zwar durch Vermittlung von Werten und Normen in Form von Geboten und Verboten oder in Form von Regeln und Gesetzen. Zusammengefasst: Unser Verhalten wird durch das bestimmt, was unser Gedächtnis an Erinnerungen enthält.

In jedem Augenblick bewältigen wir jede Situation aufgrund unserer Vorprägungen oder wir lernen etwas hinzu, indem wir unsere Prägung verändern. Das, was wir Bewusstsein nennen, das sind in Wahrheit Veränderungen in uns, die wir erfahren. Das, was uns nicht oder nicht mehr verändert, wird auch nicht mehr bewusst. Ein Mensch, der sich kaum mehr ändert, verfügt in der Tat über sehr viel weniger Bewusstsein (Vigilanz); aufgrund seines geringerern Bewusstseinsgrades ist er nicht mehr so wach wie andere und er bekommt auch nicht mehr so viel mit wie andere. Nicht selten sind es die schläfrigsten, die in unserer Gesellschaft sogar eine Spitzenposition einnehmen. Solange wir aber Bewusstsein haben, teilt uns unser Gehirn mit, dass es sich gerade im Aufbau oder Abbau neuronaler Verbindungen befindet.

Aus Erfahrungen (1), augenblicklichen Erlebnissen (2) und Trieben (3), die wir als Bedürfnisse erfahren, bilden wir unsere Ansichten und Handlungsvorhaben, zu denen wir dann

durch unsere Instinkte 'ermutigt' oder von ihnen abgehalten werden. Instinkte erfahren wir gewöhnlich als Intuitionen.

Werden durch körperliche äussere und/oder innere Reize keine besonderen Störungen verursacht, dann werden unsere Projektionen bzw. Projektierungen umgesetzt und

als Gefühl zurückgemeldet. Viele Menschen schätzen diese Rückwirkungen gering; sie missachten ihre Gefühle.

 

Ungenaues Wahrnehmen,

schlampiges Betrachten,

unscharfes Beobachten,

unsauberes Formulieren (= Begreifen) und

nachlässiges Prüfen führen zu wenig gelungenen Abbildungen im Bewusstsein. Diese Unordentlichkeiten werden gewöhnlich nicht bemerkt.

 

Unordentlichkeiten dieser Art aber bedeuten neuronal, dass gewisse Verbindungen zwischen Neuronen schlecht sind oder gar fehlen. Das Gehirn gleicht - entsprechend hohe Intelligenz und Begabung vorausgesetzt - so etwas aus, indem es Fehlendes entweder aus dem vorhandenen Repertoire ergänzt oder zufällig spontan bildet. Auf diese Weise kann es nicht nur zur Ideenfindung, sondern auch zu sehr angenehmen Gefühlen kommen.

 

Fasten und Askese sind Massnahmen, um solche quasi mystischen Erlebnisse künstlich herbeizuführen. Das Erleben des Verzichtens kann bei frommen Menschen eine so innige Tiefe herbeiführen, dass sie Gottes Gegenwart regelrecht zu spüren glauben. Die Mystiker nennen solche Augenblicke Verzückungen. Naturvölker gehen noch weiter und versetzen sich mit besonderen Pflanzen, Rhythmen, Zeremonien und Tänzen in Trance, um ihren Göttern zu begegnen.

 

Es ist gleichgültig, ob Gott als Einzelwesen, Dreieinigkeit oder als unterschiedliche Wesen erfahren wird, und es spielt auch keien Rolle, wie das Göttliche bei unterschiedlichen Völkern heisst, wichtig ist nur die Begegnung. Je weniger der Verstand eine Rolle spielt und je intensiver sich Gefühle 'austoben' können, desto leichter kommen Begegnungen mit Göttlichem zustande. Diese Begegnungen fallen unterschiedlich aus, je nach dem, welche körperliche, seelische oder geistige Kraft dominiert. In den westlichen Kulturen wird Glauben vorwiegend vernünftig gedeutet, in östlichen Kulturen geschieht das eher geistig körperlich.

 

Das, was das Verhalten des Menschen regelt, das sind Triebe, die wir als Bedürfnisse erfahren,

Instinkte, die wir als Intuitionen erfahren,

körperliche Reize (von aussen oder innen), die wir als Bewusstseinsinhalte erfahren.

 

Das Bedürfnis nach Religion, die Sehnsucht nach einer anderen Welt und der Wunsch nach heiligen oder geheiligten Orten in der vorhandenen Welt ermöglichen Glaube, Theologie und ihre 'Gotteshäuser'.

 

Schauen wir uns Gesagtes nun einmal von der anderen Seite des Todes her an, so wie wir das schon in der ersten Folge dieser Reihe getan haben.

 

1936 bis 1939 erschienen im Verlag Walter de Gryter in Berlin drei Bände unter dem Titel "Das persönliche Überleben des Todes." Der Autor Emil Mattiesen gilt als Pionier in der Sterbeforschung. In seinen Veröffentlichungen berichten Menschen von ihren Erfahrungen, die sie gemacht haben, nachdem sie für klinisch tot erklärt wurden. Solche Berichte werden als Erfahrungsbeweise bezeichnet. Es gibt genügend Prozessmerkmale, die allen gemachten Todeserfahrungen gemeinsam sind. Aufgrund dieser allen Erfahrungen gemeinsamen Merkmale nehmen viele an, dass in unserem Körper eine Art feinstofflicher Körper eingebettet ist, der das Sterben des grobstofflichen, sinnlich vernehmbaren überlebt.

 

Es wird immer wieder geschildert, dass hilfreiche Geistgestalten ("Schutzengel") die Loslösung des feinstofflichen Körpers vom grobstofflichen unterstützen. Zeugen berichten, sie hätten diesen Vorgang sogar beobachten können, weil ihnen die Geistwesen in Form von wolken- oder nebelähnlichen Gebilden erschienen seien.

 

Es gibt aber auch Erfahrungsberichte von der anderen Seite des Todes, und zwar durch Erscheinungen längst Verstorbener. Diese teilen mit, dass sie nach ihrem Tode ihren verstorbenen Eltern, Freunden, Bekannten und Freunden begegnet seien. Zwar beeindrucken die Übereinstimmungen solcher Mitteilungen, aber die Inhalte büssen durch ihre Unschärfen an Überzeugungskraft. Das könnte allerdings auch an sprachlichen Grenzen liegen.

 

Wie dem auch sei, es handelt sich ganz offensichtlich um nur persönlich und ganz individuell fassbare Erscheinungen. Das Gehirn wird demnach zu Phantasien angeregt, die diese Wirkungen hervorrufen. Die katholische Kirche geht mit solchen Effekten ganz selbstverständlich um (Fatima, Lourdes). Aber schon Saulus hat sich durch diese Art von Erscheinung zum Paulus gewandelt. Überhaupt schafft das Auftreten von Geistwesen in der Bibel keinerlei Schwierigkeiten. Und schliesslich ist Jesus selbst nach seinem Tod einigen Menschen erschienen.

 

Uns Heutigen erscheinen diese Phänomene längst als befremdlich. Wir haben keinen Zugang mehr. Jesus könnte heutzutage weder geboren werden noch uns auf irgendeine Weise erscheinen. Wir sind gleichsam von allen guten Geistern verlassen. Wir sind vor allem wissenschaftsgläubig: wir akzeptieren, was gemessen und berechnet werden kann. Aber das ist grundsätzlich kein Hindernis, um sich die genannten Phänomene auch auf wissenschaftliche Weise zugänglich zu machen. Erfahrungsbeweise und empirische Beweise der Wissenschaften kommen dann zusammen, wenn sie sich wechselseitig ergänzen können, wenn also die Wissenschaften über Theorien verfügen, die das Erscheinen von Geistwesen erklären können.

 

Man könnte vermuten, dass die miniaturisierende Hochtechnologie so feine Instrumentarien entwickelt, dass sie im nächsten Jahrtausend in der Lage sein wird, Informationen aus sinnlich nicht mehr vernehmbaren Wirklichkeiten zu beziehen.

 

Zusammenfassung: Die Kraft des Geistes wird in den besonderen Fällen der Selbstheilung sichtbar. Ist diese Kraft nicht genügend ausgeprägt, dann entsteht Angst als seelisches Zeichen geistiger Orientierungslosigkeit. Diese Desorientierung führt nicht selten zur Flucht in irgendwelche esotherischen Abenteuer. Aber persönliche Wegmarken lassen sich nicht aus frommen Sprüchen und wohlriechenden oder farbenprächtigen Zaubereien mit Steinen, Kräutern oder irgendwelchen Düften herstellen. Der individuelle Weg muss schon selbst gesucht werden. Stellt man sich dieser Suche nicht, dann vergibt man alle Möglichkeiten einer persönlichen Lebensorientierung. Zudem begibt man sich auf eine lebenslange Flucht vor sich selbst. Diese Flucht wird begleitet von einer tiefen Furcht, doch noch vom Augenblick der Notwendigkeit einer persönlichen Stellungnahme erwischt zu werden, obgleich man gerade das zu vergessen versucht, indem man von Termin zu Termin hetzt. Weil man jeden Kontakt zu den eigenen inneren natürlichen Rhythmen verloren hat, lebt man sich krank. Insgesamt sind es wahrscheinlich vor allem sechs Gruppen von Ängsten, von denen (nicht nur) Selbstflüchter verfolgt werden:

die Ängste, die aus der eigenen Kindheit herrühren (Erinnerungsängste),

die Ängste, die aus mangelndem Selbstbewusstsein entspringen (Versagensängste),

die Ängste, die von unbefriedigten Bedürfnissen stammen (Entzugsängste),

die Ängste, die von unseren Instinkten verursacht werden (Machtängste),

die Ängste, die durch Überreizungen entstehen (Überforderungsängste),

die Ängste, die sich aufgrund verdrängter Gefühle durchsetzen (Minderwertigkeitsängste).

 

Diese Ängste verdichten sich zu einem lebenslangen Sterben, und zwar zum Verlieren der Beziehung zu sich selbst (1), zum Ausbleiben von daseinsgestalterischen Ideen (2), zum Aufgeben der eigenen Persönlichkeit durch Unterwürfigkeiten (3), zum Ausbleiben von Toleranz durch Angstbeissersymptome (4), zum Nachlassen von Widerstandskräften (5) und durch Abschwächen positiver Gefühle und Empfindungen (6). Bei so vielen Verlustängsten sollte man meinen, dass das Sterben weniger schlimm werde, weil das Leben doch eh wenig angeboten hat. Aber genau die Umkehrung trifft zu. Der Tod bedeutet, dass es nun wirklich keine Lebenschance mehr gibt, kein Verdängen mehr: das Leben ist endgültig so armselig, wie man es doch nie wahrhaben wollte.

 

Gegen diese Ängste können wir mit der Kraft unseres Geistes wirken, um sie zu überwinden. Über diese natürliche Fähigkeit handelt die nächste Folge.